Protestbrief #9
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Betroffenheit habe ich erfahren, dass das Weinmeisterhaus den Bezirksschulden zum Opfer fallen soll, und mich daraufhin gefragt, wer eine solch unverantwortliche Entscheidung treffen kann.
Seitdem ich 19 Jahre alt bin, habe ich regelmäßig das Weinmeisterhaus besucht. Dort habe ich den Umgang mit Kunst zu schätzen gelernt, wie ich es nie vorher in der Schule erfahren habe. Das Weinmeisterhaus bietet kostenlos ein vielfältiges Kunst- und Kulturprogramm für Jugendliche, wie es sonst selten in Berlin und sicherlich auch in ganz Deutschland zu finden ist. Fachkräfte, wirkliche Kenner in ihren jeweiligen Gebieten und „nicht nur“ Lehrer, schulen die Jugendlichen in so vielen unterschiedlichen Bereichen (Foto- und Videokunst, Tanz, Theater, Grafikdesign, Malerei, Musik, etc…). Jahrelang habe ich das Bangen um die Gelder im Weinmeisterhaus miterleben müssen: wie einige der Kurse nicht mehr angeboten werden konnten, weil die Gelder dafür gestrichen wurden. Der angekündigte Verkauf des Hauses ist jedoch die Höhe.
Ich weiß nicht, ob den Verantwortlichen im Senat die Bedeutung von Kunst und generell von Freizeitangeboten für Jugendliche klar ist. Ständig ist in den Nachrichten zu lesen, dass der 1. Mai der aggressivste seit Jahren war; dass ein Jugendlicher sich wieder zu Tode getrunken hat; dass die Aggressivität und Jugendkriminalität steigt. Zur Lösung solcher Probleme werden Vorschläge gemacht, wie der von Spandaus Gesundheitsstadtrat Martin Matz, um Schulklassen die Wirkung des Alkohols in Krankenhäusern zu verdeutlichen. Also den Schülern Angst vor dem Alkohol einzujagen. Merken Politiker etwa nicht, dass der Grund für ein solches Verhalten bei Jugendlichen nicht an der mangelnden Angst vor den Folgen liegt, sondern am Mangel an Selbstverwirklichung, an der Langeweile zu Hause und auf der Straße, an der Perspektivlosigkeit, also am Mangel an Freizeitangeboten. Die Stadt will also nicht mehr in das investieren, was ihre Zukunft ist: ihre Jugend. Das Weinmeisterhaus hat sich jahrelang mit dieser Jugend beschäftigt, die mehr benötigt hat. Das Fachpersonal in den unterschiedlichen Bereichen hat diese Jugend gefördert und hat ihr Selbstsicherheit, eine künstlerische Erziehung und ein Alternativprogramm zur Straße, zu Computerspielen und zu Drogen angeboten.
Wenn man eine Institution wie das Weinmeisterhaus schließt, die u.a. auch wichtig für die Integration mittels Kunst ist, dann kann man im nächsten Schritt auch gleich Opernhäuser, Theater und Museen schließen, denn mit der Schließung des Weinmeisterhauses hat man die Bildungsstätte für das Publikum solcher Einrichtungen vernichtet. Und dann ist Berlin nur noch arm und nicht mehr sexy.
Mit freundlichen Grüßen,
Antonio MyP
8. August 2009 Kommentare deaktiviert
